„sublim (1) radikal (2)“ Zu den Arbeiten von Franziska (3) Harnisch (4)
(Copyright Goldt 2026)
Ein zentraler Aspekt der Arbeiten von Harnisch ist das Kollaborative, das Netzwerk, das Partizipatorische. In ihrer Vorgehensweise ermöglicht sie anderen Menschen Selbstermächtigung durch Teilhabe. Harnisch geht offen auf die Menschen zu. Die Auswahl der Partizipant:innen ihrer Aktionen, Ausstellungen und Workshops geht folgendermaßen: Sie setzt Kleinanzeigen in die lokale Presse, sie spricht Menschen an, in Fußgängerzonen, Schulen und im Internet, Kolleg:innen, Freund:innen und Familienmitglieder.
Harnisch fragt.
Die Digitalisierung und deren Auswirkung auf die Gesellschaft ist ein großes Thema in Harnischs Arbeiten. Wenn Han sagt „Dem digitalen Schwarm fehlt die Massenseele oder der Massengeist ganz. Die Individuen, die sich zu einem Schwarm zusammenfügen, entwickeln kein Wir.“ (5), so gelingt es Harnisch der sich digitalisierenden Gesellschaft ein Jetzt im realen Raum entgegenzusetzen und die Vertechnisierung der Gemeinschaften zu thematisieren. Diesem Technizismus (6) setzt sie mit Mitteln des künstlerischen Arbeitens eine Privatheit entgegen, die den Praktiken des zivilgesellschaftlichen Zusammenhalts durch Teilhabe entspricht (7). „Die zunehmende Egoisierung und Atomisierung der Gesellschaft lässt die Räume für das gemeinsame Handeln radikal schrumpfen“ (8), Harnisch vergrößert diese Räume wieder. Nach Demuth „sind Systeme von Mitwirkung und Teilhabe ausnahmslos mäandernde Systeme“ (9). Diese transformativen Wechselverhältnisse des Mäanderns nennt Demuth fluvial, da er sich an der physikalischen Wechselwirkung von Ufer und Fluss orientiert. Das eine formt das andere im ständigen Austausch (10). Harnisch schafft Orte und Situationen für Wechselwirkungen.
Harnisch dialogisiert.
Partizipation ist ein völkerrechtlich verbrieftes Menschenrecht (11) und dient als Entwicklungsmotor, indem sie Menschen befähigt, ihre Meinung zu äußern und Einfluss zu nehmen. Partizipation gilt als gesellschaftlich relevant, weil sie zum Aufbau von sozialem Kapital führen kann und soziales Vertrauen verstärkt. (12)
Nach dem Kunsttheoretiker Max Glauner ist Partizipation eine Interaktion, welche er als Kooperation charakterisiert, in der das Publikum an der Entstehung des Kunstwerkes maßgeblich mitwirkt. Die Teilhabe bzw. Partizipation im empatischen Sinn wird als koproduktiver Faktor der Werkentstehung bezeichnet, als Kollaboration. (13)
Harnisch beteiligt.
Die Titel die Harnisch wählt sind schlicht und verweisen auf die jeweilige Aktion, Partizipation oder Präsentation und laden diese nicht auf. Die Exponate sind zurückhaltend und stellen Sachverhalte dar, oft mit technischer Finesse. Die Brisanz liegt in der Doppelbödigkeit. Denn obwohl hier keine Effekthascherei betrieben wird, sind die Themen von gesellschaftlicher Aktualität und Brisanz. Gemeinerweise sind die Arbeiten auch noch humorvoll, dass man die Ernsthaftigkeit und das umfassende theoretische Hintergrundwissen von Harnisch bei einer flüchtigen Rezeption übersehen könnte.
Harnisch benennt.
Auch wenn die Rahmenbedingungen der Interaktionen mit den Partizipant:innen offen sind, legt Harnisch doch eine Richtung vor. Technische Geräte werden nicht genutzt, ohne hinterfragt zu werden. Vor allem in den gesellschaftlichen Beziehungen, welche durch die Hilfsmittel der Kommunikation eine vorgegebene Art des menschlichen Austauschs von Informationen, Nachrichten und Gefühlen beeinflusst werden (14), deckt Harnisch diese Mechanismen auf und macht diese Einschränkungen für die Menschen erfahrbar. Die Entscheidungsfreiheit, wie man sich darstellt und wie man kommuniziert, hat wieder eine Chance.
Harnisch emanzipiert.
„Partizipation, so ließe sich sagen, ist messbar am Grad der Kommunikationen, die sie auslöst.“ (15) Harnisch sagt „Meine ästhetische Praxis legt sich auf Unabgeschlossenheit fest (...) In vielen meiner Arbeiten - prozessbasierte Teilstücke, die in ihrer Korrelation über Jahre hinweg indirekt aufeinander aufbauen - spielen Übertragungsmuster, der Begriff von Autorschaft und eine gewisse unkontrollierbare Handlungsentwicklung eine Rolle. (…) Handeln ist Sein. Es ist Anwesenheit real und digital. Und Handeln ist letztlich auch: Der Handel mit etwas“ (16). Je mehr sich das vielseitige Vorgehen von Harnisch wieder zu einem Verbund einer sehr großen Werkgruppe zusammensetzt, desto deutlicher wird, dass hier von einer „Lebensform als kulturelle Grammatik“ (17) in der digitalen Gesellschaft gesprochen wird.
Harnisch handelt.
Monokausalität kann bei Harnisch ausgeschlossen werden. Was Harnisch mit ihrer Praxis entfacht entspricht der „Dialogischen Plastik“ (18), welche schon in den vielfältigen Aspekten in der Vorbereitung ihrer Projekte vorhanden sind. Diese vielfältigen Aspekte sehe ich als Knäuel. Dieser wird durch die Einbindung der Partizipatoren weiter aufgeladen. „Ein Knäuel deutet stets auf eine Pluralität interaktiver Verhältnisse hin. Es liegt also nahe, Verwicklungen, anders als üblich, für einen glücklichen Umstand zu halten“ (19). Das Ergebnis ist ein Cluster der Korrelationen.
Harnisch komplexiert.
Karø Goldt, im Juni 2026
(1) sublim Adj. „erhaben, verfeinert, vergeistigt, Entlehnung „(2. Hälfte des 17. Jh.) aus lat. sublimis „hoch, erhaben, empor stehend, emporragend“; zu lat. limen „Schwelle, Türschwelle“. Aus: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen Q-Z, Akademie Verlag Berlin, 1989, S. 1756 (2) radikal Adj. „bis auf die Wurzel, bis zum äußersten (gehend), gründlich, gänzlich, rücksichtslos, rigoros“, entlehnt (16. Jh.) aus mlat. radicalis. Aus: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen Q-Z, Akademie Verlag Berlin, 1989, S. 1360 (3) Franziska von Rom: Patronin Roms; Patronin der Frauen und der Autofahrer (seit 1925); Helferin gegen die Qualen des Fegefeuers und der Pest. / Franziska Xaveria: erste Heilige der USA. Patronin der Auswanderer (seit 1950) Aus: Gorys, Erhard, Lexikon der Heiligen, 4.Auflage, München 2001, S. 109 (4) Harnisch, m. (f.) Panzer zum Schutz des Oberleibs; in der Weberei: Anordnung der Litzen am Webstuhl zum Ausheben einzelner Kettfäden; in der Geologie: glatte oder geschrammte Rutschfläche, die durch Aneinanderverschiebung von Gesteinsmassen entsteht. Aus: von Kienle, Richard, Fremdwörterlexikon, Berlin 1964, S. 162 (5) Han, Byung-Chul: Im Schwarm, 5. Auflage, Berlin 2020, S.20 (6)„Technizismus: in der bürgerlichen Soziologie verbreitete Lehre, welche die Technik isoliert von den herrschenden sozialökonomischen Verhältnissen betrachtet und allein durch technischen Fortschritt den entscheidenden Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung sieht. Der T. Dient heute dazu, die Ursachen für die sich im Prozess der wissenschaftlich -technischen Revolution vertiefenden sozialen Widersprüche im Kapitalismus zu verschleiern.“ Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag, Berlin 1967, S. 654 (7) https://offenegesellschaft.org/ (8) Han, Byung-Chul: Im Schwarm, 5. Auflage, Berlin 2020, S.24 (9) Demuth, Volker: Mäander, Berlin 2023, S. 133 (10) „Randreibungen beziehungsweise Begegnungen sind stets Ereignisse der Unsicherheit, in denen eine offene, prekäre Zukunft schlummert .“ Demuth, Volker: Mäander, Berlin 2023, S. 134 (11) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Resolution 217 A (III) vom 10. Dezember 1948) besteht aus 30 Artikeln, beschlossen von den Vereinten Nationen. (…) Artikel 27 (Freiheit des Kulturlebens) 1. Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben. (..) Quelle: https://www.amnesty.de/alle-30-artikel-der-allgemeinen-erklaerung-der-menschenrechte (12) Innerhalb der politischen Partizipationsforschung konkurrieren verschiedene Theorien und Modelle um die angemessene Beschreibung und Erklärung des Gegenstands. Beispielsweise gibt es zur Analyse der politischen Partizipation von Frauen verschiedene Perspektiven und Ansätze. Bei dieser genderorientierten Betrachtung der politischen Partizipation werden verschiedene hemmende oder fördernde Faktoren wie sozio-ökonomische Lage, die nationale politische Kultur, die individuelle politische Orientierung, das „politische Kompetenz-Gefühl“, Frauenförderung und gleichzeitige strukturelle Diskriminierung und die geschlechtstypischen Sozialisationsprozesse berücksichtigt. (13) „Partizipation bewahrt an jeder Position der klassischen Ästhetik jeweils Momente der negierten Begriffe – sie ist immer schon schöpferische Handlung und kritische Reflexion derselben. Es erscheint daher unerheblich, ob die Reichweite der Partizipation lediglich auf aktiv handelnde Interventionen – also körperliche Präsenz und Spur – beschränkt sein soll, wie dies von Lars Blunck,27 oder weitreichender, die Reflexion auf mögliche Handlungsspielräume betrifft, die ein künstlerisches Display eröffnet, wie es eine Mehrzahl der theoretischen Arbeiten zur Partizipation nahelegen.28 Unter dieser Perspektive entscheidet sich die „Aktivität“ jedes „Beteiligten“ auf allem Ebenen nicht daran, ob er einen Hammer in die Hand nimmt und an einer Hütte zimmert, von der keiner weiß, wie sie am Ende aussehen wird, oder ob er an einer Demonstration vor dem Bundeskanzleramt teilnimmt; – entscheidend bleibt seine Anteilnahme an einem künstlerischen Vorgang, die „Awareness“ für einen freigesetzten Prozess, sei er nun ausschließlich Interaktiv, kooperativ oder kollaborativ angelegt. „ Aus: Glauner, Max, Get involved! Partizipation als künstlerische Strategie. Kunstforum International Band 240, Juni-Juli 2016 (14) (…) schließlich wird unter Bedingungen der Begegnung mit anderen das imaginäre Eigene infrage gestellt und in seiner Bedeutung verunsichert(...) Kein Selbstbild ohne Fremdeinfluss.“ Demuth, Volker: Mäander, Berlin 2023, S. 134 f. (15) „Je spontaner, unmittelbarer und direkter diese Kommunikationen ausfallen, so „überraschender“ sie sind, um an einen Gedanken von Dirk Baecker anzuschließen *, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Beteiligung von Menschen nicht lediglich ein kulturelles Planungsinstrument in Strategiepapieren von Kultureinrichtungen ist.“ Aus: Gernot Wolfram, Das Ende der Partizipation? Kulturelle Teilhabe in (Post-)Corona-Zeiten , 2020 * Vgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. Berlin 2009 (16) Franziska Harnisch, artist statement, Website (ohne Datum) https://franziskaharnisch.de/wp-content/uploads/2024/04/as_06.4.2024.pdf (17) Demuth, Volker: Heiteres Mäandern. Über Vorzüge des geschwungenen Lebens. Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 14.12.2025, Minute 1:26 (18) Demuth, Volker: Mäander, Berlin 2023, S. 37 (19) Demuth, Volker: ebd., S. 39
FRAME by Karø Goldt, Berlin 2025
“Freedom is the strategy of subjecting contingency and necessity to human intention. Freedom means playing against the apparatus.” Vilém Flusser: Towards a Philosophy of Photography, Göttingen 1994
Framing is the process of consciously embedding events and topics into interpretive grids and narratives. In doing so, complex information is selected and structured — specific problem definitions, attributions of cause and effect, and moral evaluations within a given subject are emphasized.
The scientific concept of the frame originates from the psychiatrist Gregory Bateson, who used it in 1972 to describe psychological phenomena — specifically the inclusion and exclusion of certain information within communication. In 1974, Erving Goffman adopted the term to explain human behavior in everyday life. According to Goffman, frames are definitions of situations that render events intelligible within structures of meaning. For Goffman, frames define situations — they translate events into structures of meaning. In cognitive psychology, the concept of the ‘schema’ has taken hold — a model that shifts attention away from public communication toward the internal processes of perception: how we acquire knowledge, process information, and form memory on a psychological level. Schemas are internal structures that organize how knowledge and memory take form. Here, memory becomes a kind of cognitive map — a landscape in which information moves, settles, and is held within a frame of perception. Reframing is the capacity to see an event anew — to shift its context, and with it, its meaning. Once perception changes, the event itself undergoes transformation. The notion of FRAME reflects my current way of composing the site-specific photo installations — each one newly assembled from the archive, and rearranged with every hanging and presentation.
Art-making is a process that expands memory. Artworks offer the viewer the rare fortune of aesthetically possessing an extended memory — they prolong the chains of causal thought. Through the seemingly irrational effort of making art, artists craft a space of existential suspension through anecdotal evidence. Art is a concentrated essence. The motif stands as both instrument and weapon, at once. Artistic production is an ‘Ahoy’ of fear—the fear of failure, whether in terms of the art market, among peers, or within oneself. I am always in the ring. Through the act of creation, the weight of overload is transformed into a dialogue with the present, endlessly rearranging the kaleidoscopic present.
‘That I may perceive what holds the world together in its innermost being.’ This line from Goethe’s Faust, written in the early 19th century, reveal how the search for the hidden structure of existence has long shaped human thought — long before the language of modern physics arose. Human conceptions of the atom — the smallest unit at the core of all matter — have evolved from the idea of tiny, invisible spheres (Democritus, 5th century BC) to shell and orbital models, and finally to the quantum-mechanical model formulated by Erwin Schrödinger in 1926.
The latter describes the arrangement of electrons around the atomic nucleus as a cloud. In fact, the proportion of actual matter within an atom is vanishingly small — most of its volume consists of empty space. It is this idea that I refer to in my method of hanging the FRAME installations.
Quantum physics reveals that the smallest particles may exist in several places at once. Heisenberg’s uncertainty principle states that two complementary variables — like position and momentum, or time and energy — cannot be precisely determined at the same time. ‘The world as a whole is blurred,’ wrote Werner Heisenberg in Physics and Philosophy (1958).
For almost three decades, I have been exploring ideas about the core of the world — the essence of being itself. In doing so, I engage with questions drawn from psychology, philosophy, and sociology. My artistic practice emerges from this ongoing dialogue with theory and thought. Since 2022, I have continued this exploration through a new approach to arranging images — bringing the photographs into ever-changing constellations. In this process, countless possible meanings unfold. I call them FRAMES. I do not regard them as patterns, but as paradigmatic connotations.
For this way of presenting art, I draw from my photographic archive spanning 1993–2025, both analog and digital. The works take various forms: C-prints (mounted directly on the wall or on Alu-Dibond, Kömacel, or polystyrene), experimental hand prints, computer prints, light boxes, film stills, videos, and objects. With each presentation, a new FRAME emerges — a sitespecific photo installation that responds to the space and to the specific theme of the exhibition.
The test walls are an essential part of the working process, yet they are never repeated in the exhibitions themselves. My artistic work with photography and video should not be understood chronologically. Rather, it forms a coherent and polyvalent whole, constantly expanding and evolving. ‘Memory always takes place in the present.’*
Translated from German by Elizaveta Tatarina.
*Wolf Singer: Perception, Memory, Forgetting, Aachen 2000
FRAME von KARØ GOLDT
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"Meine Filme sind nicht virtuell. Sie zeigen Tatsachen."
("Filme Malen Musik" von Karø Goldt in: Diagonale Materialien # 030 DIAGONALE – Forum österreichischer Film 2007, german)
goldt_über_goldt.pdf
"Abstraction as sublimation: What Karø Goldt’s subrosa demonstrates is how the complexity of an image can be greatly increased by a simple act of reduction or abstraction."
(Copyright: Christian Höller / sixpackfilm 2004, german, english, french)
goldt_subrosa_von_christian_höller.pdf
(Copyright: Christian Höller / sixpackfilm 2004, german, english, french)
goldt_subrosa_von_christian_höller.pdf